Besuchen Sie Israel, solange es noch existiert.

Schon vor rund einem Monat hat Henryk M. Broder eine Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki gehalten und das ganze für einen meiner Meinung nach sehr treffenden Kommentar zur deutschen Wahrnehmung des Nahostkonfliktes genutzt, deshalb hier mal ein paar Auszüge:

Lieber, verehrter Jubilar: Noch immer vor Kühnheit zitternd, möchte ich Sie etwas fragen. Sie waren doch im Warschauer Ghetto. Sie haben in Ihren Erinnerungen beschrieben, wie es in diesem Vorzimmer zur Hölle zuging. Sie haben bei Ihren Lesungen die Menschen zu Tränen gerührt.

Bekommen Sie nicht eine Gänsehaut, wenn im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen in Gaza von „Zuständen wie im Warschauer Ghetto“ geredet wird? Packt Sie da nicht die Wut und das Verlangen, Ihr Zuhause in der deutschen Literatur für einen Moment zu verlassen und sich draußen auf der Straße umzusehen, wo nicht die Freunde von Heine und Hölderlin unter den Linden flanieren, sondern die Anhänger von Hamas und Hisbollah „Zionisten raus aus Palästina!“ rufen? Klingt das in Ihren Ohren nicht so wie „Juden raus nach Palästina!“ – nur eben andersrum?

Verstehen Sie mich bitte richtig. Ich frage nur. Ich mache Ihnen keine Vorhaltungen. Jeder lebt für sich allein, der eine in der deutschen Literatur, der andere bei Starbucks. […]

Wenn wir nicht über die fortschreitende Dämonisierung und Delegitimierung von Israel reden, werden wir in der Paulskirche bald eine Gedenkfeier für die Opfer der zweiten Endlösung abhalten können. Und für die Literaturinteressierten unter Ihnen wird es Seminare geben, in denen die Arbeiten von Amos Oz, A. B. Jehoschua und David Grossmann durchgenommen werden, so wie heute in Seminaren die Werke von Isaak Baschevis Singer, Bernard Malamud und Isaak Babel behandelt werden – als literarische Testamente einer untergegangenen Welt.

Der 90. Geburtstag eines Zeugen des 20. Jahrhunderts ist genau der richtige Anlass, um einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Könnte es sein, dass die großen Katastrophen nicht hinter, sondern vor uns liegen? Wir sind damit beschäftigt, geschehene Desaster zu analysieren und auszuwerten, statt potentielle zu erkennen und im Ansatz zu verhindern. Wir trauen uns zu, den Anstieg der Welttemperatur auf zwei Grad zu begrenzen, aber wir sind nicht in der Lage, Iran von seinen Atomplänen abzubringen.

In Nordrhein-Westfalen soll demnächst eine Stiftung gegründet werden, deren Initiatoren es sich vorgenommen haben, jedem Schüler in NRW und später in der ganzen Republik eine Studienreise nach Auschwitz zu ermöglichen. Damit sollen sie gegen antisemitisches Gedankengut immunisiert werden. Die Idee ist nicht schlecht, aber nicht ganz zu Ende gedacht. Sie basiert auf der Überlegung, dass ein zweites Auschwitz verhindert werden muss. In diesem Falle müssten die Schüler aber nicht nach Oswiecim in Polen sondern nach Afula, Metulla, Kfar Saba und Sderot geschickt werden. Der passende Name für das Projekt wäre: „Besuchen Sie Israel, solange es noch existiert.“

Wer die gesamte Laudatio nochmal hören will kann das hier tun:


Wer den kompletten Text nochmal lesen will den verweise ich hier hin:
Teil 1, Teil 2

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